Dienstag, 3. August 2010
„Echte Volkskunst“ - Spanischer Abend in Mainz während der NS-Zeit
Bei historischen Recherchen stieß ich auf einen Zeitungsartikel des „Mainzer Anzeigers“ vom 30.12.1937. Die Tänzerin Manuela des Rio tanzte dort mit einer Gruppe diverse Tänze das klassischen spanischen Balletts und auch Flamenco.



Ich dokumentiere hier den Konzertbericht. Es lustig zu lesen, wie auch die exotischste Musik als „echte Volkskunst“ und damit wertvoll im Sinne der NS-Ideologie beurteilt wird. Selbst der Tangos ist „reinsten Stiles“ und nicht vergleichbar mir dem gleichnamigen modernen Gesellschaftstanz, dem es an „volkhafter Echtheit“ mangele und der „zurecht abzulehnen“ sei.

Spanische Nationalmusik. Manuele des Rio tanzte in einer KdF-Veranstaltung

In der ganzen Welt sind spanische Tanzrhythmen verbreitet. Wir Deutsche kennen sie seit Jahrhunderten in der „Sarabande“, der „Folia“, dem „Boléro“ – wir kennen die Oper „Carmen“ mit der berühmten „Segeduilla“, aber auch die modernen Gesellschaftstänze „Tango“, „Fandango“ und „Jota“. Die drei letzten Tänze sind unserer Art angepasst und haben fast nichts mehr mit den echt spanischen Originalen gemein. Sie werden daher mit Recht abgelehnt. Wie wunderbar sind sie jedoch in volkhafter Echtheit. Durch das Geklapper der Kastangnetten oder bei den Tänzen mit arabischem Einschlag durch kleine Glöckchen (Chinchines) von den Tanzenden selbst mitbegleitet, steht der Rhythmus im Vordergrund. Zugleich charakterisiert der jeweilige Rhythmus die jeweilige Landschaft, in welcher der Tanz als Volkstanz beheimatet ist.

Der Deutschen Arbeitsfront AEG „Kraft durch Freude“ gebührt Dank, dass sie uns einen eine nationale Kunst vermitteln ließ, denn der Tanzabend Manuela del Rio war echte Volkskunst von feinem künstlerischem Instinkte geleitet und von delikatesker Ausarbeitung der Detail durchdrungen. Die bekannte Tänzerin fesselte in Solo-, Paar- und Triotänzen und hat auch die Partner Mercedes Leon Albanodejuniga geschickt gewählt. Man freute sich dieser rassigen, von ausgefeilten Bewegungen künstlerisch gestalteten echten und stilisierten Darbietungen. Es wurden fortwährend Wiederholungen gefordert. Namentlich die grotesken Szenen aus dem spanischen Volksleben der verschiedenen Provinzen gefielen außerordentlich. Solistisch zeigte sich Manuela del Rio in einem poetischen Tanzgedicht von Isaac Albeniz in einem Intermezzo der Oper „Goyescas“ von Enrique Granados. Ursprünglich eine Klaviersuite, die der Komponist zur Oper umwandelte, liegen ihr Anregungen nach Gonas phantasievollen Szenen des spanischen Volksleben zugrunde, von der Tänzerin in Kostüm und Gebärde plastisch vermittelt. Ein „Danza Mora“ mit arabischem Einschlag bewies in Handbewegungen stark maurische Einflüsse, denn es gibt gibt Kulttänze, die sogar nur mit den Fingern „getanzt“ werden. Die Ballet-Suite aus „Liebeszauber“ von Manuel de Galla gab zu ausgiebiger mimischer Entfaltung Anlass. Sehr schön,. Mit reizenden Fußbewegungen war aber auch der Tanz nach „Volksmethodien“ den Mercedes Leo brachte, sowie ein Tango reinsten Stiles von Antonio de Zuniga getanzt. In einem Zigeunertanz zur Guitarre erntete Manuel de Rio ganz besonders Anerkennung.

Wie die gesamten Tänze in präziser Choreographie verliefen, so führten auch die Instrumentalisten ihre Darbietungen hervorragend aus. Javier Alonso ist ein glänzender Begleiter und Solist, der überaus schwierige Klavierstücke von Albeniz, des spanischen Liszt, von Infante Turina und Larregla gepflegt und musikantisch vermittelte. Ebenso muss man dem ausgezeichneten Guitarre-Spieler Joacin Roca für fein melodisches, mehrstimmiges und akkordlich vollgriffiges Spiel Bewunderung zollen. Die Kostüme waren reizend und namentlich die echten spanischen Bauerntrachten wertvoll bestickt. Sämtliche Künstler ernteten rasende Beifallsstürme.

Dieser Abend war von wirklichem Können getragen. Er hätte aber in einen anderen Raum gehört. Da Podium des Liedertafelsaales mit den klaffenden, sehr unsicher zu ziehenden Vorhängen (sofern man überhaupt von „Vorhängen“ reden kann) wirkte wie die Bühne einer Vorstadtschmiere. Die Scheinwerfer stören auf allen Plätzen (und das nicht nur an diesem Abend). Rechts und links schauen die Ecklogen über dem Podium heraus und die „spanische“ Wand macht einen sehr fragwürdigen Eindruck. Das lächerliche Quietschen des Flügels beim Verschieben wäre durch einen Tropfen Öl zu vermeiden, da er ja auf Rollen läuft. Rein gestimmt war er auch nicht. Völlig unklar aber ist, warum zwischen dne einzelnen Nummern das Licht nicht eingeschaltet wurde, denn man möchte doch laut Vortragsfolge orientiert sein, was man sieht und hört. Leni Dürauer)




Die Tänzerin Manuela del Rio trat auch auf anderen deutschen Bühnen während der NS-Zeit auf: http://theater-weiden.de/downloads/magisterspielplaenechronologisch.pdf Es wäre interessant, auch hier die Konzertberichte auszuwerten.

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